Der Eisbär ist ein Sympathieträger, die Alge interessiert doch keinen

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Von: Peter Unfried

27.07.2009

Die Meeresbiologin und Professorin Karin Lochte plädiert im Interview mit dem taz-Chefreporter Peter Unfried dafür, in der Forschung neue Wege zu gehen, um die großen zentralen Fragen in Sachen Klimawandel zu klären. Und: Die Bürger müssen jetzt selbst die Initiative ergreifen.

Professorin Karin Lochte, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.

Warum engagieren Sie sich bei CleanTech, Frau Professor Lochte?
Karin Lochte: Weil ich glaube, dass wir aufgrund des Klimawandels praktische Aktionen ergreifen müssen, also zum einen unseren Lebenswandel ändern und zum anderen neue Techniken einführen. Es hat mich begeistert, dass das eine kleine Gruppe von Leuten unter Leitung von Dirk Kowalski sagt: Wir sitzen nicht einfach rum und jammern. Wir warten nicht, bis etwas von oben kommt, sondern wir fangen einfach mal an.

Was meinen Sie mit 'oben'?
Regierung, Vorschriften, große Konzerne. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die sind wichtig. Aber die Initiative muss auch vom Bürger kommen, der überzeugt ist, dass es Veränderungen geben muss, um mit dem Klimawandel fertig zu werden.

Es gibt zwei Schulen. Die einen sagen: Wir haben Wirtschaftskrise, da können wir uns Klimaschutz nicht leisten. Die anderen sagen: Wir müssen das zusammendenken. Wo stehen Sie?
Ich bin der Überzeugung, das wir grade jetzt was tun müssen. Die Wirtschaftskrise hat uns gezeigt, dass vieles nicht funktioniert, was wir als selbstverständlich und als soliden Grund angesehen haben. Ich sehe das weniger als ökonomische Chance, sondern als mentalen Wandel. Wir werden Maßnahmen ergreifen, die wir vorher nicht für notwendig oder möglich gehalten haben. Der mentale Wandel ist eine der Chancen, die wir haben.

Das Alfred-Wegener-Institut, dem Sie als Direktorin vorstehen, erforscht die Zusammenhänge des weltweiten Klimas und der speziellen Ökosysteme im Meer und an Land. Was können Sie uns berichten, wenn man den Klimawandel vom Meeresgrund aus betrachtet?
Wir sehen Veränderungen, z.B. in der Nordsee, die besonders gut erforscht ist. Man sieht einen Temperaturanstieg, man sieht, dass sich Tierarten, die an kalte Temperaturen gewöhnt sind, nach Norden verzogen haben. Dafür sind Fischarten aus dem Mittelmeer eingewandert. Die Fischer haben uns das schon länger erzählt, dass sie andere Fische in den Netzen finden als früher. 

Ihr Arbeitsgebiet sind die  Polarregionen.
Ja, da finden wir in der Antarktis Veränderungen in den Krillbeständen, das ist eine kleine Krebsart, die die Hauptnahrung für Wale, Vögel und Robben ist. Der Krillbestand hat stark abgenommen; wahrscheinlich hängt das daran, dass das Meereis im Bereich der antarktischen Halbinsel sich verringert hat, denn der Krill überlebt im Winter unter dem Eis. Im Norden, in der Arktis, ist die Wassertemperatur angestiegen. Die Besiedlung am Meeresboden verändert sich, aber nicht wegen des Temperaturanstiegs. Dazu ist er noch nicht stark genug.

Sondern?
Weil sich das Eis zurückgezogen hat und sich dadurch die Nahrungsbedingungen verändern. Die mikroskopisch kleinen Algen, die  im Eis wachsen und runter rieseln als Nahrung für die Organismen, sind jetzt nicht mehr in ausreichender Menge da. Die am Boden lebenden Tiere haben sich dadurch massiv verringert.

Alles hängt mit allem zusammen?
Sagen wir so: Das sind Teile eines Puzzles, eines Mosaiks, das wir gerade zusammensetzen. Die Veränderungen sind noch nicht drastisch, aber das ganze Bild kommt zusammen und man sieht, dass das System dabei ist, sich zu verändern. Nicht alles ist negativ, aber es ist definitiv nicht alles so wie früher.

Es heißt nicht, dass alles furchtbar wird?
Nein, es heißt erst einmal, dass sich die Klimazonen auf der Nordhalbkugel nach Norden verlagern. Der Dorsch ist jetzt um Island vertreten, die Isländer freuen sich, die Nordseefischer nicht. Man darf nicht gleich alles als Katastrophe sehen, aber es gibt auch einige Änderungen, die sehr negativ sein werden.

Wo muss Ihre Wissenschaft zulegen?
Wir müssen vor allem unsere Klimamodellierung verbessern. Für die Polarforscher ist es auch besonders wichtig, die Veränderungen des Meereises in der Arktis und der Eisschilde in Grönland und in der Antarktis zu beobachten. Es gibt neue elektromagnetische Messmethoden vom Hubschrauber und Flugzeug aus, die hier große Fortschritte bringen. Im Herbst wird auch hoffentlich der neue Satellite Cryosat Eismessungen machen können. Das muss regelmäßig gemacht werden, um abschätzen zu können, wie schnell das Meereis oder die Eisschilde abnehmen.

Warum ist das wichtig?
Das Meereis ist eine Art Deckel auf dem Wasser. Es beeinflusst den Austausch zwischen Meeresoberfläche und Atmosphäre und strahlt das Sonnenlicht sehr stark zurück, weil es weiß ist - das heißt, es wird nur wenig Sonnenenergie aufgenommen. Wenn das Eis aber weg ist, haben wir eine dunkle Meerwasseroberfläche. Schwarz absorbiert am meisten Strahlung. Das heißt, die Meeresoberfläche wird sich stärker aufwärmen. Das warme Wasser hat mehr Kapazität, das Meereis im Sommer wegzutauen, und so kann das ein sich selbstverstärkender Prozess werden. Wenn das passiert, dann verschwindet das Meereis sehr rasch und haben wir in der Arktis ganz andere Umweltbedingungen. Zum Beispiel ändert sich die Verdunstung von Wasser aus dem Meer. Das beeinflusst den Wasserkreislauf in ganz Europa, die Regen- und die Schneefälle.

Was ist mit den Lebewesen?
Das Eis ist ein Lebensraum für viele Organismen; in den sehr kleinen Solekanälchen im Meereis leben Algen, Bakterien und Tiere, alle mikroskopisch klein. Davon ernähren sich die größeren Tiere und schließlich auch die Fische, und die Eisbären brauchen auch so eine Unterlage. Wenn das Eis im Sommer verschwindet, dann wird sich dieser ganze Lebensraum grundlegend verändern. Aber wir wissen noch nicht: Wie? Das ist eine der großen und zentralen Fragen, die es zu klären gilt: Was bedeutet das, wenn das Meereis verschwindet?

Was halten Sie von der Fokussierung in der Klimaberichterstattung auf den Eisbären und seinen schwindenden Lebensraum?
Das ist in Ordnung, obwohl der Eisbär nur am Ende der Nahrungskette steht und sozusagen nur die Spitze des Eisberges darstellt. Aber der Eisbär ist erstens ein Symbol und zweitens ein Sympathieträger. Wenn ich da eine kleine Alge hinlege, dann interessiert das keinen. 

Was bewirken Ihre Forschungen?
Wir können aus der Meeresbiologie nur bedingt Techniken oder Technologien ableiten, die im Klimaschutz sinnvoll sein können. Was wir versuchen in unserer Forschung, ist die möglichen Veränderungen so gut es geht vorherzusagen und die Menschen vorzubereiten auf  Anpassungsmaßnahmen. Eine Möglichkeit der Nutzung einer weitgehend eisfreien Arktis wäre es, Erdgas und Erdöl aus dem Meeresboden zu gewinnen. Da wird gerade in der Arktis gesucht. Wenn wir aber diese Energiequellen nutzen, setzen wir noch mehr CO2 frei. Andererseits: Wenn wir es nicht machen, wird vor allem das Gas sowieso durch den Klimawandel und die Erwärmung freigesetzt.

Was ist mit Erneuerbaren?
Was ich spannend finde: Die Windenergie, die wir jetzt in der Nord- und Ostsee aufbauen.

Wer ist "Wir"?
Wir ist Deutschland. Da ist die Frage: Wie beeinflussen so große Windparks den Umweltschutz? Wir sind wirklich zwischen Scylla und Charybdis...

...zwei antike Meeresungeheuer. Was wollen Sie mit der Metapher sagen?
Wir können nicht auf alternative Energiequellen verzichten, das bedeutet vor allem Wind und Solar, vielleicht noch ein bisschen Geothermie. Aber dann müssen wir auch konsequent sagen, wo wir die hinstellen. Das ist eine schwierige Diskussion, den Schutz der Umwelt und Nutzung alternativer Energien unter einen Hut zu bringen.

Was ist genau das Problem?
Die großen Windräder können die Vogelpopulationen beeinträchtigen. Vor allem gibt es eine große Vibration und Lärmbelästigung unter Wasser. Man weiß nicht genau, wie sich das auswirkt. Und die Stromleitungen erzeugen Magnetfelder im Meer. Auch das kann Auswirkungen haben, die wir aber noch nicht kennen. Diese Untersuchungen sind ein schwieriges Gebiet.

Wohin tendieren Sie?
Wenn wir den CO2-Ausstoß  reduzieren wollen, wie es das politische Ziel ist, dann müssen wir die Energiegewinnung dekarbonisieren, also abkoppeln vom Kohlenstoff. Das heißt: Wir müssen alternative Energien nutzen oder unseren Energieverbrauch reduzieren, wahrscheinlich beides.  In den 60ern haben wir sehr viel weniger Energie verbraucht und trotzdem gut gelebt. Unser Lebensstil war ein anderer.

Heute können wir im Winter kurzärmelig draußen sitzen, denn wir haben Heizpilze.
Ja, toll, aber wir können auch einen Pullover anziehen, dann geht das auch.

Vor kurzer Zeit dachte man noch, Heizpilze seien Fortschritt.
Ja, man dachte das sei Lebensqualität. Das war auch mit Erdbeeren aus Südamerika so, die man im Winter kaufte. Da müssen wir jetzt mal sagen: Das muss nicht sein. Das gilt für viele Dinge. Und dem stimmen jetzt auch viele Leute zu. Da kann sich jeder selbst fragen: Wo habe ich Überfluss, wo kann ich einsparen, ohne dass es Lebensqualität kostet? Da komme ich auf die Arbeitswelt zu sprechen: Es wird immer gesagt, der Mensch muss dahin gehen, wo die Arbeit ist. Er muss mobil sein. Schön und gut, aber was macht man, wenn der eine da und der andere dort arbeitet? Man hat eine Zweiwohnung: Doppelter Energieverbrauch. Wir nutzen bei der Arbeit auch die elektronischen Möglichkeiten nicht so intensiv, wie wir das könnten.

Sie sagen, Ihre Wissenschaft müsse endlich auch Themen anpacken, die auf den ersten Blick verrückt erscheinen. Warum?
Ich habe das Gefühl, dass in der Forschung die Leute den Modethemen hinterherlaufen, also den Themen die grade angesagt sind.

Zum Beispiel?
Ocean Acidification, die Versauerung der Meere ist so ein Thema, für das ganz viele Leute jetzt Anträge stellen. Das ist auch in Ordnung. Aber ich würde mir wünschen, dass es auch ein paar Leute gibt, die sagen: Ich gehe jetzt einen ganz neuen Weg. Wir müssen zu neuen Ideen kommen. 

Werden die Leute gefördert?
Nein. Die Beantragung von Projekten, die intellektuell attraktiv, aber ein bisschen verrückt sind, haben Schwierigkeiten finanziert zu werden. Das liegt an unserem Gutachtersystem. Da erscheint dem Gutachter das Risiko zu groß, dass das Projekt scheitern könnte. Aber wir sollten eine Kultur haben, in der wir sagen: Die Zukunft liegt da, wo jemand ganz neue Wege geht. Wir brauchen das Normale, aber wir brauchen auch einen gewissen Anteil von dem anderen.

Worin besteht Ihr persönlicher Ökolebensstil?
Tja, ich mache genau das, was ich vorher gegeißelt habe. Wir leben in Kiel. Und ich habe eine kleine Zweitwohnung in Bremerhaven, wo ich arbeite. Da fahre ich montags hin und freitags zurück. Ich habe noch nie überlegt, wie viel CO2 das zusätzlich kostet, aber es wird eine ganze Menge sein. Ich bin viel auf Reisen und versuche, hauptsächlich mit dem Zug zu fahren, das sehe ich als Win-win-Situation an, denn ich kann im Zug gut arbeiten. Eventuell kann ich sogar ganz auf ein Auto in Bremerhaven verzichten. Ich überlege das ernsthaft, aber ich bin noch nicht ganz so weit.

Wird das Haus in Bremerhaven, in dem Sie jetzt wohnen, in 50 Jahren unter Wasser liegen?
Wir können das wahrscheinlich technisch retten. In 50 Jahren wird der Meeresspiegel vielleicht um einen halben Meter steigen. Das kann man durch Deicherhöhungen schützen. Wir wissen aber, dass es, wenn Eisschilde schmelzen, auch sprunghafte Erhöhungen des Meeresspiegels geben kann. Da sind wir nicht drauf vorbereitet. Wir hatten, zum Beispiel in der Westantarktis  große Eisschilde, die abgebrochen sind, das Larsen-Eisschelf, das Wilkins-Eisschelf. Wenn da noch mehr von der Antarktischen Eisbedeckung ins Meer gelangt, dann kann das größere Auswirkungen auf den Meeresspiegel haben. Ob das in 50 Jahren passiert oder später, ist schwer zu sagen. Das sind extreme Ereignisse, die sind schwer zu modellieren. 

Bremerhaven wird sich also schützen können?
Das nehme ich an. Aber Polynesien und Bangladesh werden sich nicht schützen können. Da ist die Frage: Was passiert mit den Menschen, wie kann man deren Lebensgrundlagen sichern?

Müsste der Weltklimarat IPCC lauter warnen?
Die Wissenschaft hat etwas Enormes erreicht. Obwohl es keine ganz großen Katastrophen  gab, hat sie die Politik überzeugt, aktiv zu werden. Das hat es davor nie gegeben. Wir hätten das nicht erreicht, wenn wir noch stärker alarmistisch gewesen wären. Es war gut, dass man das so sachlich wie möglich gemacht hat. Ich denke, dass es sein kann, dass alles noch viel schlimmer kommen kann. Aber  es hat keinen Zweck, die Leute völlig zu verschrecken. 

Friedensnobelpreisträger Al Gore hat seinen sogenannten WakeUp-Call bewußt zugespitzt, indem er sagt: Wir haben noch zehn Jahre. Was sagen Sie dazu?
Er hat Recht. Wenn wir über die Welt gemittelt, das Zwei-Grad-Ziel erreichen wollen, also nicht mehr als zwei Grad globale Erwärmung, können wir jetzt noch eine weiche Landung hinkriegen. Nun haben wir es aber in den letzten Jahren nicht geschafft, CO2 zu reduzieren. Wenn wir jetzt noch länger warten, dann müssen wir nicht nur reduzieren, dann müssen wir schließlich sogar CO2 abscheiden aus der Luft und verklappen. Das sollten wir vermeiden, weil es viel Energie kostet und wir gar nicht so große Speicher haben.

Bei der Weltklimakonferenz in Kopenhagen im Dezember muss was passieren?
Ja, in Kopenhagen muss etwas passieren. Wenn Sie mich fragen, ob ich da große Hoffnungen habe...

...haben Sie große Hoffnungen, Frau Lochte?
Nein. Das tut mir sehr leid. Das ist schrecklich, aber die habe ich nicht, außer die Politik und die Ökonomie schaffen eine volle Kehrtwendung.

Zur Person
Karin Lochte ist Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, eines der bedeutendsten Forschungsinstitute für Polarforschung weltweit. Sie ist die erste Frau in Deutschland, die ein Forschungszentrum dieser Größe leitet (850 Mitarbeiter). Von 2004 bis 2007 war sie Professorin für Biologische Ozeanographie am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.  Ihr persönliches Spezialgebiet ist u.a. die Bedeutung des Südpolarmeeres für globale Klimaprozesse.  Geboren: 1952 in Hannover. Dort auch aufgewachsen. Lebt in Kiel und Bremerhaven.